Interview zur internationalen Migrationskonferenz des BICC
Internationale Konferenz „Migration und Vertreibung in Afrika südlich der Sahara“
12. Februar 2009
Ca. 200 Vertreterinnen und Vertreter aus Wissenschaft, Politik und Zivilgesellschaft werden auf Einladung des BICC (Internationales Konversionszentrum Bonn) am 13. und 14. Februar 2009 zur internationalen Konferenz „Migration and Displacement in Sub-Saharan Africa. The Security – Migration Nexus II“ nach Bonn kommen. Die internationale Konferenz im Haus der Deutschen Welle wird vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützt.
Die zweitägige Veranstaltung, an der auch zahlreiche Expertinnen und Experten aus Afrika südlich der Sahara teilnehmen, wird u.a. über die Ursachen unfreiwilliger Migration in dieser Region sowie die humanitären, sozialen und rechtlichen Konsequenzen für die Betroffenen diskutieren. Im nachfolgenden Interview erläutert BICC-Projektleiterin Clara Fischer die Ziele der Konferenz.
Der Titel der Konferenz ist „Migration und Vertreibung in Afrika südlich der Sahara“. Wie viele Menschen sind betroffen?
Allein in Afrika südlich der Sahara leben derzeit etwa 16,3 Millionen Migrantinnen und Migranten. Dabei handelt es sich sowohl um regulär Erwerbstätige, Saisonarbeiterinnen und -arbeiter als auch um irreguläre Migrantinnen und Migranten sowie Flüchtlinge.
Noch immer ist in der öffentlichen Meinung die Vorstellung weit verbreitet, dass der Großteil der afrikanischen Migrantinnen und Migranten nach Europa bzw. die entwickelten Staaten des Nordens geht. Dies ist jedoch nicht der Fall. Nur 1,5 Prozent aller Menschen aus Afrika südlich der Sahara lebt etwa in Staaten der Europäischen Union. Über zwei Drittel aller Migrantinnen und Migranten aus Ländern südlich der Sahara wanderten jedoch innerhalb der Region aus.
Unfreiwillige Migration macht dabei insbesondere in Afrika einen großen Anteil der Bevölkerungsbewegungen aus. Etwa 20 Prozent der weltweiten Flüchtlingsbevölkerung (ca. 2,3 Millionen) und etwa die Hälfte der weltweit 25 Millionen intern Vertriebenen lebt in Afrika.
Ein paar Zahlen zur Illustration. Der Sudan weist mit bis zu sechs Millionen IDPs (Internally displaced persons) die höchste Zahl an Binnenvertriebenen weltweit auf. Darüber hinaus suchten 2007 523.000 Flüchtlinge aus dem Sudan im Ausland Zuflucht. Auch die Demokratische Republik Kongo (DRC) mit 370.000 Flüchtlingen und 1,4 Millionen IDPs, Uganda mit ca. 216.000 Flüchtlingen und 900.000 IDPs, Somalia mit 455.357 Flüchtlingen und 1,1 Millionen IDPs und Burundi mit 375.727 Flüchtlingen und 100.000 IDPs sind nach Angaben des UN-Flüchtlingswerkes UNHCR Ausgangspunkte von Fluchtbewegungen großen Ausmaßes.
Was sind die Hauptaufnahmeländer in Afrika? Welche Lösungsbemühungen gibt es dort?
In Afrika südlich der Sahara finden wir wie gesagt sowohl Einwanderungs- als auch Auswanderungsländer sowie Staaten, die beides sind oder Transitländer darstellen. Doch auch die Region der Großen Seen und Ostafrika sowie Zentral- und Westafrika weisen große Zahlen an Flüchtlingen und IDPs auf.
Tansania, Tschad und Uganda zählen zu den zehn größten Aufnahmeländern von Flüchtlingen weltweit. Kamerun, Sudan und Kenia gehören zu den Ländern Afrikas, die 2007 die höchste Zahl neuer Flüchtlinge beherbergt haben. Insgesamt haben 17 afrikanische Staaten Flüchtlingsbevölkerungen von über 50.000 Personen.
Sowohl auf nationaler als auch auf regionaler Ebene setzen sich afrikanische Organisationen wie ECOWAS (Economic Community Of West African States) und die AU (Afrikanische Union) mit den Herausforderungen auseinander. So will die AU im April 2009 einen Sondergipfel zu Flüchtlingen, Rückkehrern und IDPs durchführen.
Wir freuen uns, dass auch Vertreter von ECOWAS und AU nach Bonn kommen werden, um sich auf der internationalen Migrationskonferenz mit anderen Expertinnen und Experten auszutauschen.
Die Konferenz unterscheidet zwischen freiwilliger und erzwungener Migration in Afrika südlich der Sahara. Warum ist es wichtig zu differenzieren und wie definieren Sie „unfreiwillige Migration“?
Freiwillige von unfreiwilliger Migration ? sei es innerhalb eines Staates oder grenzüberschreitend ? abzugrenzen, ist aufgrund der Komplexität ihrer Ursachen nicht nur für die Forschung sondern auch für die politische Praxis schwierig. Dennoch ist diese Unterscheidung sowohl in Hinblick auf Mandate und Kompetenzen staatlicher und internationaler Akteure als auch auf die Rechte und Ansprüche der betroffenen Menschen auf Hilfe und Unterstützung wichtig.
Als unfreiwillige Migrantinnen und Migranten gelten heute nicht nur Flüchtlinge und aufgrund von Konflikten Binnenvertriebene (IDPs), sondern zunehmend auch Menschen, die durch Umweltkatastrophen, Umweltzerstörung und Entwicklungsprojekte vertrieben wurden.
Sie stellen das Problem der Binnenmigration in Afrika in Zusammenhang mit Fragen der Sicherheit (Migration - Security Nexus). Um wessen Sicherheit geht es?
Unfreiwillige Migration hat nicht nur tiefgreifende humanitäre und soziale Konsequenzen für die betroffenen Menschen, sondern wirkt sich auch auf die gesellschaftlichen Prozesse in den Herkunfts-, Transit- und Aufnahmeländern aus. Flucht und Vertreibung, vor allem infolge von bewaffneten Konflikten, haben tiefgreifende Folgen für Entwicklung, Stabilität und Sicherheit der betroffenen Staaten und stellen besondere Handlungsanforderungen an die Politik auf allen Ebenen und das internationale humanitäre Regime.
Erzeugen erzwungene Migration und Vertreibung neue gewalttätige Konflikte?
Unfreiwillige Migration ist zunächst in vielen Fällen eine Folge von Gewaltkonflikten, Menschenrechtsverletzungen, Repression oder des Zusammenbruchs des politischen Regimes. Dennoch belegen Studien, dass auch Flucht und Vertreibung selbst zu Konflikten zwischen zwei Staaten oder innerhalb eines Staates beitragen können. Flüchtlingsbewegungen großen Ausmaßes können Auswirkungen auf die Sicherheit und Stabilität des Herkunfts- sowie des Aufnahmelandes haben.
So können beispielsweise Flüchtlingslager unter Umständen als Rückzugsort und Rekrutierungsbasis bewaffneter Gruppen dienen. Des weiteren können als Folge von Flucht Spannungen zwischen dem Herkunfts- und dem Aufnahmeland verschärft werden.
Dennoch ist bei all dem zu berücksichtigen, dass sowohl die Aufnahmekapazität und die Fähigkeit des Aufnahmelandes, Sicherheit zu gewährleisten, als auch die jeweilige Flüchtlings- und Asylpolitik entscheidend dafür sind, ob sich die (Bürger-) Kriegswahrscheinlichkeit erhöht.
Sind heutzutage auch Umweltbedingungen Grund zur Migration?
Grundsätzlich ist zwar davon auszugehen, dass in fast allen Fällen ein komplexes Bündel von Faktoren die Ursache für Migration bildet. Besonders Menschen, deren Lebensunterhalt direkt von bestimmten Umweltbedingungen abhängt, können durch Umweltdegradation, wie eine Verschlechterung von Böden, Wüstenbildung, Wasserverschmutzung etc. zur Auswanderung gezwungen werden, wenn sie nicht über die Kapazitäten verfügen, sich diesen Veränderungen anzupassen. Solche graduell ablaufenden Veränderungen sind zu unterscheiden von schweren Naturkatastrophen wie Hurrikans oder Überschwemmungen, die allerdings oft nur zeitlich begrenzte Auswanderungsbewegungen hervorrufen.
Das Gewicht von Umweltfaktoren könnte künftig in Folge von Klimawandel, Bevölkerungswachstum und Entwicklung zunehmen. Auch große Entwicklungsprojekte wie Staudämme oder andere Infrastrukturmaßnahmen können zu Umweltveränderungen führen, die die Umsiedlung von Bevölkerungsgruppen notwendig macht.
Inwiefern ist Migration in Afrika geschlechts- oder altersspezifisch geprägt?
In Afrika machen Frauen knapp 47 Prozent der grenzüberschreitenden Migration aus. Die Tendenz ist steigend. Gründe hierfür sind einerseits die zunehmend schwierige wirtschaftliche Situation und Armut in vielen Ländern. Anderseits veranlasst auch ein verbesserter Zugang zu Bildung Frauen in Afrika dazu, ihre Chancen in der Migration zu suchen.
In Hinblick auf erzwungene Migration gehören Frauen und Kinder zu den Menschen, die in besonderem Maße von den Konsequenzen von Vertreibung und Flucht betroffen sind. Menschenrechtsverletzungen wie Vergewaltigungen und Missbrauch, Überfälle und Angriffe durch Angehörige einer oder mehrerer Konfliktparteien, Zwangesrekrutierung durch bewaffnete Gruppen oder Menschenhandel sowie die Gefahr, die von Landminen ausgeht, bedrohen generell die Sicherheit und Integrität von Flüchtlingen und IDPs. Aber es sind vor allem Frauen und Mädchen, die zu Opfern sexueller Gewalt werden, die für sie häufig oft selbst zur Fluchtursache wird. Innerhalb der Flüchtlinge gehören Kinder, die ihre Eltern verloren haben oder von ihnen getrennt wurden, Witwen und ältere Menschen zu der schutzlosesten und gefährdetsten Gruppe.
Warum veranstaltet das BICC bereits zum zweiten Mal eine internationale Migrationskonferenz? Welche Aufgaben stellen sich für ein Friedens- und Konfliktforschungsinstitut in diesem Zusammenhang?
Die letzte BICC-Konferenz zum Thema Sicherheit und Migration hat sich mit der Süd-Nord Migration und den Herausforderungen und Chancen von Migration aus Afrika nach Europa beschäftigt. Diese Konferenz möchte sich nun der Süd-Süd Migration widmen, die zahlenmäßig weit bedeutsamer ist als die Süd-Nord Migration. Dabei interessiert uns insbesondere unfreiwillige Migration.
Als Friedens- und Konfliktforschungsinstitut möchte das BICC Flucht und Vertreibung vor allem unter dem Gesichtspunkt von Sicherheit diskutieren. Gerade die Aufnahmeländer stehen vor großen Herausforderungen, für die weder Forschung noch Politik bisher angemessene Lösungsansätze entwickeln konnten. Es handelt sich jedoch um ein ausgesprochen drängendes Problem, da mit der Flüchtlingsaufnahme einhergehende Sicherheitsrisiken den Flüchtlingsschutz an sich gefährden können.
Nationale und internationale Expertinnen und Experten aus Forschung, Politik und Zivilgesellschaft, darunter Vertreter der relevanten Ministerien und internationaler Organisationen werden u.a. über die Ursachen unfreiwilliger Migration in Afrika südlich der Sahara sowie die humanitären, sozialen und rechtlichen Konsequenzen für die Betroffenen diskutieren. Untersucht werden soll sowohl die Rolle von unfreiwilligen Migrantinnen und Migranten in komplexen (Post-)Konflikt- und Notsituationen als auch die Auswirkungen, die unfreiwillige Zu- und Abwanderung sowie Rückkehr und (Neu-)Ansiedelung auf die sozialen, politischen und wirtschaftlichen Bedingungen in den Ländern der Region haben.
Die Teilnehmerinnen und Teilnehmer werden zudem konkrete Instrumente und Handlungsansätze der Migration Governance auf regionaler Ebene erörtern. Eine besondere Rolle sollen schließlich die Erfahrungen und Perspektiven von internationalen Organisationen und zivilgesellschaftlichen Gruppen spielen.
Die Fragen stellte Susanne Heinke
Für weitere Informationen steht Ihnen Susanne Heinke, Pressesprecherin BICC, 0228/911 96 44, pr@bicc.de, gern zur Verfügung.

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