report 10 - Zusammenfassung
In diesem Bericht werden im Sinne einer Bestandsaufnahme die grundlegenden Charakteristika der militärischen Forschung und Entwicklung (F&E) in Rußland unter den Bedingungen der Transformation untersucht: die Struktur dieses Sektors, seine Position innerhalb der Forschungslandschaft insgesamt, seine Bedeutung für die Arbeitsmärkte, die politischen Reaktionen auf gesamtstaatlichem wie regionalem Niveau und die Rolle internationaler Vernetzung für die Konversion und Anpassung dieses Sektors.
Offensichtlich sind die Anpassungsanforderungen in Rußland deutlich höher als jene in westlichen Ländern. Der militärische F&E-Sektor ist - unter dem Einfluß umfassender politischer Reformen und der wirtschaftlichen Krise - in hohem Tempo umgeformt worden.
Gekennzeichnet durch personelle Überkapazitäten und den Verlust von traditionellen Märkten und Finanzierungsquellen, weist der Sektor nicht nur dramatische Rückgänge in Output und Arbeitsproduktivität auf. Hinzu kommen Umstrukturierungen, institutionelle Reformen, um finanzkräftige Industriepartner anzuziehen, der Ausbau internationaler Vernetzungen wie auch eine Steigerung der Exporte um fast jeden Preis. Der Grad der Umstrukturierung ist für einzelne Bereiche, Regionen und Institutionen aber sehr unterschiedlich. Raumfahrt und nuklearer Sektor waren in diesem Kontext deutlich erfolgreicher als der Kommunikations- und Elektronikbereich.
Viele Institutionen und Firmen setzen weiter auf öffentliche Unterstützung, insbesondere nach den Versprechungen der Regierung während des Präsidentschafts-Wahlkampfes im Jahre 1996. Allerdings sind solche Erwartungen durch die Realität enttäuscht worden: Die Regierung, äußerst knapp an Geld und neuen Ideen für die Lösung der Probleme, ist zu ihrer Sicht von dem F&E-Sektor als einer einfachen Zielscheibe für Kürzungen (oder Verzögerungen) geplanter Ausgaben zurückgekehrt. Dies hat die Entwicklung von regierungsamtlichen Politikkonzepten für die militärische F&E jedenfalls nicht ausgeschlossen. Eines der bemerkenswerten Elemente russischer Politik in diesem Bereich ist der Versuch der Regierung, F&E am US-amerikanischen Modell auszurichten, insbesondere in Hinsicht auf "dual-use" Technologien und die Auswahl nationaler "Champions". Unter den Bedingungen allgemeiner Ressourcenknappheit ist die Anwendbarkeit eines solchen Modells allerdings fragwürdig. So ist die Dualisierung von militärischer F&E im russischen Kontext auf nationale militärische Sicherheit und nicht auf einen langfristigen wirtschaftlichen Ertrag ausgerichtet. Trotz höherer Finanzzuweisungen an die zivile F&E bleibt dadurch auch die strukturelle Isolation der F&E, die im militärischen Komplex besonders ausgeprägt ist, erhalten.
Die Zentralregierung hat nicht viel Spielraum in ihrer Industrie- und Technologiepolitik: Nach sechs Jahren Wirtschaftskrise und zahlreichen Versuchen, Geldwertstabilität herzustellen, ist es praktisch unmöglich geworden, Investitionen zu stimulieren und Arbeitslosigkeit zu vermeiden. Auf der anderen Seite wurden, verglichen mit den relativ geringen Forderungen des F&E-Sektors für sein Überleben, große Summen von öffentlichem Geld für den Krieg in Tschetschenien und den Präsidentschaftswahlkampf ausgegeben. Die - zivile und militärische - Wissenschaft in Rußland könnte kaum billiger durchgeführt werden: Die für das Haushaltsjahr 1996 geplanten Ausgaben der Zentralregierung beliefen sich auf weniger als 3,5 Milliarden US-Dollar (berechnet zu Marktkursen). Die jährliche Unterstützung der Konversion von F&E im zentralstaatlichen Konversionsprogramm soll 200-250 Millionen US-Dollar nicht übersteigen. Die meisten Forscher verdienen umgerechnet ungefähr 100 US-Dollar im Monat, wobei die Institute im militärischen Komplex am unteren Ende der Gehaltsskala liegen. Geringe Löhne sind begleitet von geringer Arbeitsproduktivität und - auf Grund der personellen Überkapazitäten - von hohen Gesamtlohnsummen. Die Vorteile niedriger Löhne für hohe Qualität werden oft entwertet, wenn eine Institution neue Märkte zu erreichen versucht oder an einem internationalen Gemeinschaftsprojekt teilnimmt. Zusätzlich machen hohe Markteintrittsschranken und Kapitalintensität unter den Bedingungen eines ungünstigen makroökonomischen Umfelds F&E-Konversionen zu riskanten Unternehmungen. Der F&E-Sektor hat deshalb an den Vorteilen der Liberalisierung nicht teil gehabt und muß - mit Ausnahme einiger Spitzeninstitutionen, die sich auf internationale Märkte umorientiert haben - zu den "Verlierern" der großen Reform gezählt werden.
Die wahrscheinlich wichtigste Schlußfolgerung dieses Berichtes ist, daß der militärische F&E-Sektor einer umfassenden Verkleinerung, der Umstrukturierung und Reorientierung auf zivil-militärische und wissenschaftlich-industrielle Integration bedarf, insbesondere durch den vollständigen Abbau von Barrieren für die Technologiediffusion außerhalb des militärischen Komplexes. Darüber hinaus zeigt die Analyse, daß das sowjetische Innovationssystem trotz aller Ineffizienzen einige starke Seiten entwickelt hatte. Es ist möglich, auf diesen Elementen aufzubauen, anstatt völlig neu zu beginnen. Unglücklicherweise ist es nach sechs Jahren Wirtschaftskrise schwierig geworden, zwischen wertvollen F&E-Aktivposten und hoffnungslosen Einheiten zu unterscheiden: Beide sind finanziell ausgeblutet und vorhandene komparative Vorteile können nicht in Wert gesetzt werden. Daher sind Technologie-Bewertungen und wirtschaftliche Prüfungen der vorhandenen F&E-Einrichtungen Schlüsselprobleme, die gelöst werden müssen, bevor schmerzhafte Entscheidungen über radikale Schnitte im Umstrukturierungsprogramm gemacht werden können. Die unvollkommenen Märkte in Rußland, die innovatives Verhalten in Hochtechnologie-Industrien weiterhin nicht belohnen, können bei dieser Bewertung und Auswahl nicht dienlich sein. Auf der anderen Seite erscheint höchst fraglich, ob es das Beste für Wirtschaft und Gesellschaft insgesamt ist, hier der Regierung die Initiative zu überlassen.
Angesichts der Krise in Wirtschaft und Steuersystem gibt es keinen Grund, von einer kurzfristigen Verbesserung der finanziellen Situation des russischen Staates auszugehen. Indessen bildet die Forschungsgemeinschaft die schwächste soziale Gruppe unter den Anspruchstellern an öffentliche Gelder. Die Wissenschaftler und die Wissenschaft insgesamt werden den revolutionären Wandel nicht ohne unersetzbare Verluste überstehen, insbesondere wenn die Krise sich in das Bildungswesen fortpflanzt und damit die Grundlagen der Bildung von Humankapital zerstört.
In der Vergangenheit bestand die Erwartung, daß eine Internationalisierung der russischen F&E die geringen internen Finanzmittel für Innovationen sowie die niedrige nationale Nachfrage nach denselben teilweise ausgleichen würde. Die Analyse in diesem Bericht zeigt, daß insbesondere die Grundlagenforschung zunehmend internationalisiert ist und sich auch die industriellen Verbindungen von Firmen aus dem militärischen Komplex rasch vermehrt haben. Internationalisierung muß allerdings zahlreiche Hindernisse überwinden sowie einen ausführlichen gegenseitigen Lernprozeß einschließen. Damit ein neues Umfeld für die Internationalisierung der russischen Wissenschaft entstehen kann, müssen erst Infrastrukturen und Erfahrungswissen geschaffen werden, um die Komplexität der Interaktion zwischen Institutionen und Individuen zu meistern, die über Jahrzehnte durch Grenzen und Systemdifferenzen getrennt waren. Durch die Etablierung wettbewerbsfähiger russischer F&E-intensiver Firmen, die in der Lage sind, ihre strategischen Interessen innerhalb dieser internationalen Zusammenarbeit zu formulieren und zu vertreten, könnte die gegenwärtige Unzufriedenheit mit solchen Kooperationen überwunden werden.
Wichtige Fragen bleiben für zukünftige Analysen offen: Welche Rolle werden Rußland und seine rüstungsabhängigen, F&E-intensiven Firmen in der Weltwirtschaft spielen? Wird internationale Kooperation die Wettbewerbsfähigkeit erhöhen und russischen Firmen, insbesondere aus der Luft- und Raumfahrt, dazu verhelfen, Akteure auf globalem Niveau zu werden? Oder werden internationale Kooperationen zwar relativ erfolgreiche F&E-Firmen schaffen, die aber von den Bedürfnissen und Verflechtungen der restlichen Wirtschaft in Rußland losgelöst sind? Die vordringliche Aufgabe besteht daher darin, relevante Politikansätze zu formulieren, um die aus der begonnenen Internationalisierung erfolgten wirtschaftlichen Vorteile im Sinne einer verbesserten Wettbewerbsfähigkeit zu maximieren.

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